Deutsch geht gut - Das Literaturprojekt in Bietigheim Bissingen

"Deutsch geht gut": Marica Bodrozics Werk "Mein weißer Frieden"

Die 43-jährige Schriftstellerin Marica Bodrozic wird als eine der bedeutsamsten literarischen und politischen Schreiberinnen gewertet. Ihr Buch "Mein weißer Frieden" ist ein Meisterwerk.

GABRIELE SZCZEGULSKI | 23.01.2016

Es geht ums Schreiben im Buch "Mein weißer Frieden" von Marica Bodrozic. Nicht offensichtlich und nicht platt, sondern es geht darum, warum wird jemand zum Schriftsteller, warum wird jemand so wie er ist. Es geht um Prägungen, um wichtige und schmerzhafte Erinnerungen, um Persönlichkeitsbildung. Damit ist Bodrozic ganz nah an den Teilnehmern des Projekts "Deutsch geht gut", denen sie das Werk vorstellen wird, bei ihren Lesungen in den Schulen von Bietigheim-Bissingen.

Das Buch wird starker Tobak für die Jugendlichen sein, denn es ist eine autobiografische Spurensuche und liefert eine kluge, schonungslose politische Analyse der Nachkriegsgesellschaft in den Balkanländern. Von wo, wie Marica Bodrozic, viele der Eltern der Jugendlichen aufgrund des Balkankrieges kommen. Bodrozic wurde 1973 in Split in Dalmatien, heute Kroatien, geboren und kam 1983 mit ihren Eltern nach Deutschland. Und - so sagt sie - keine Sprache hatte. So wurde sie in die Beobachtungsperspektive gedrängt und blieb es bis heute.

Grundlage für ihr Schreiben: "Ich sehe mein Leben lang zu, den Fliegen, den Vögeln, dem Gras, den Perseiden, dem Muster und den Nachrichten der Wolken. Allem und allen. Und irgendwann fange ich auch damit an, mir selber zuzusehen."

Über die Beobachtung kommt die Autorin auch nicht mehr umhin, sich selbst zu beobachten. Sie hält Erinnerungen über die Literatur fest. Denn die Aufgabe der Erinnerung sei das "Gespräch mit dem inneren Selbst", notiert Bodroic. Und für dieses Gespräch findet sie in "Mein weißer Frieden" eine poetische und einfühlsame Sprache, die auch die Bietigheim-Bissinger Jugendlichen beeindrucken wird.

Für dieses Buch reiste Marica Bodrozic noch einmal in ihre Ursprungsheimat. Und so einfühlsam sie ihre Erinnerungen, die Beziehung zu ihrem Vater, beschreibt, so knallhart ist sie in dem Fazit über die Balkanländer. Sie zeigt ihre harte, kompromisslose Seite und liefert eine schonungslose politische Analyse der Nachkriegsgesellschaft auf dem Balkan. Sie zieht eine bittere Bilanz aus ihren Recherchen und den zahlreichen Gesprächen. Die meisten Menschen in den ehemaligen Kriegsgebieten Jugoslawiens haben ihre eigene Geschichtsinterpretation gefunden: "Die Vergangenheit ist noch nicht vorbei, zwischen ihr und dem Jetzt klafft ein Abgrund, der sich auch in den Menschen und in ihrer Sprache befindet. Der Raum der Gewalt setzt sich bis heute fort, gerade weil jeder nur auf seiner Wahrheit besteht." So kommt die Schriftstellerin zum Schluss, dass der Heimatbegriff für sie gar nicht so elementar ist, sondern eher eine Begrenzung: "Und keine Nation, keine Religion, kein Papier wird mich je dazu bringen, Heimatgefühle (die ich als Begrenzung empfinde) aufzubringen."

Info:
Marica Bodrozic, "Mein weißer Frieden", erschienen beim Lucherhand-Verlag, 19,99 Euro. In einer Reihe stellen wir immer samstags die Autoren, die beim Projekt "Deutsch geht gut" lesen, vor. Eine Lesung mit den Autoren gibt es am Mittwoch, 17. Februar, 20 Uhr, in der Otto-Rombach-Bücherei und am Donnerstag, 18. Februar, 18 Uhr, in der Waldschule Bissingen.

http://www.swp.de/bietigheim/lokales/bietigheim_bissingen/Deutsch-geht-gut-Marica-Bodrozics-Werk-Mein-weisser-Frieden;art1188806,3645094