Deutsch geht gut - Das Literaturprojekt in Bietigheim Bissingen

Flüchtling wird gefeierte Buchautorin "Deutsch geht gut": Lena Gorelik stellt ihr viertes Buch "Null bis unendlich" vor

Lena Goreliks neuestes Buch "Null bis unendlich" war im November 2015 "Das Buch der Woche" in allen öffentlich-rechtlichen Radiosendern. Alle ihre insgesamt vier Bücher wurden preisgekrönt.

GABRIELE SZCZEGULSKI | 16.01.2016

Als die elfjährige Lena Gorelik 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie als Kontingentflüchtling nach Ludwigsburg kam, hat sie sicher nicht daran gedacht, einmal mit deutscher Literatur einen Preis nach dem anderen zu erlangen. Nun kommt die ehemalige Ludwigsburgerin, die nun in München lebt, mit ihrem neuesten Werk "Von Null bis unendlich" zum zweiten Mal zu "Deutsch geht gut".

Für ihren Debütroman "Meine weißen Nächte", in dem sie von einer russischen Familie und von Sankt Petersburg erzählt, wurde sie 2004 als 22-Jährige als Entdeckung gefeiert. Als "bestes deutsches Buch des Jahres" bezeichnete es die Zeitschrift "bücher". "Hochzeit in Jerusalem" (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Im März 2011 erschien ihr Buch "Lieber Mischa, im März 2012 folgte das erste Sachbuch "Sie können aber gut Deutsch". Die Autorin wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis, dem Ernst-Hofrichter-Preis und dem Förderpreis Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. 2013 zeigte sie, dass sie auch als Übersetzerin vom Russischen ins Deutsche hervorragend ist: Sie übersetzte das Tagebuch von Lena Muchina, ein einzigartiges Dokument, das erst 2011 entdeckt worden war und das Leben eines 16-jährigen Mädchens während der Belagerung von Leningrad schildert. Für "Die Listensammlerin"(2014) wurde sie mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet.

Und 2015 eine ganz andere Art von Buch: In "Von Null bis unendlich" brilliert Lena Gorelik vor allem mit der Sprache, in der sie von Niels Liebe, einem Mathematik- und Literaturgenie, seiner großen Liebe Sanela, einem bosnischen Flüchtlingsmädchen, und derem Sohn Niels-Tito erzählt. Gorelik führt den Leser einfühlsam und poetisch durch eine Reise durch das Leben der drei. Und auch durch viele Themen und zwar so, dass der Leser nicht darüber stolpert, verwirrt wird und das Buch zur Seite legt. Nein, sie fesselt als Russin mit einer Sprache, wie sie in zeitgenössischen Büchern selten ist, ohne altmodisch zu wirken. Berührend ist die Geschichte der jungen Liebe, die kein Happyend kennt, denn Sanela und Nils sind für ein Happy End nicht geschaffen, wissen wir als Leser rasch. Der Roman beginnt mit einem Geständnis: "Ich habe mich entschieden, dich nicht zu lieben", sagt Nils zu Sanela. Trotzdem bleiben sie ein Leben miteinander verbunden, auch wenn sie sich 15 Jahre nicht sehen.

Natürlich werden der Bosnien-Krieg thematisiert, desweiteren kommen Suizidversuch, Hochbegabung, Asperger-Syndrom, Bindungsunfähigkeit und ein Hirntumor dazu - jede Menge Stoff, aber, darum geht es nicht. Es geht um die unglaublich poetische Beschreibung einer verwirrenden Beziehung zweier traumatisierter Jugendlicher. Lena Goreliks Sprache ist manchmal fast roh, kurz angebunden und doch wieder so vielschichtig und einfallsreich. Sie schreibt um der Sprache willen, in deren Kokon sie Themen einhüllt. Welche, ist erstmal egal.

War in ihren ersten Büchern der Ton lakonisch-witzig, ist er jetzt ernst, verbannt die Gefühle zwischen die Zeilen, die aus kurzen Sätzen bestehen - ein Leben, knapp auf den Punkt gebracht in wenigen Worten. Und doch ist es nicht nur die Lektüre an sich, die den Reiz des Buches ausmacht, auch Nähe und Abschied, die beschrieben werden, sind so elementar für die Protagonisten, dass man mit ihnen leidet, sich mit ihnen auf den Weg macht, um seinen eigenen zu finden. "Von Null bis unendlich" ist ein zugleich trostloses und tröstendes Buch. Lena Gorelik hat einen ihrer hoffentlich vielen literarischen Zenite erreicht.

Info Lena Gorelik, "Von Null bis unendlich, Rowohlt Berlin, 19,95 Euro. Die Autoren des diesjährigen "Deutsch geht gut" lesen am Mittwoch, 17. Januar, 20 Uhr, in der Otto-Rombach-Bücherei.

Die nächste Autorin wird am Samstag, 23. Januar, in der BZ vorgestellt.

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